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Kapitel 02 – St. Moritz, Schweiz, Frühjahr 2010

„ Mesdames, Messieurs, du calme s’il vous plaît! Bitte Ruhe, meine Damen und Herren. Ruhe bitte!“ Der Auktionator tat sein Bestes, konnte sich aber nicht wirklich durchsetzen. Eigentlich sogar … überhaupt nicht. „Ladies and Gentlemen, quiet please!” Reginald Downey, ein Bilderbuch-Engländer und echter Profi im Auktions-Metier, hatte zwar mit einer gewissen Unruhe gerechnet, vielleicht sogar etwas heftiger als das übliche Raunen, wenn ein wahres Schmuckstück unter den Hammer kommt, aber einen Tumult wie diesen hatte er in seiner gesamten – fast dreißigjährigen – Laufbahn noch nicht erlebt. „Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen!“ Seine sonst so ruhige aber doch wunderbar modulierbare Stimme klang im Augenblick eher hektisch flehend als in irgendeiner Weise kontrollierbar. Ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit und allen Regeln der Etikette versuchte er durch heftiges Klopfen mit dem Auktionshammer auf sein Rednerpult seiner Bitte um Ruhe Nachdruck zu verleihen. Vergebens. In das Gewirr von Stimmen aus aller Herren Länder mischte sich hundertfach das Geräusch von verschobenen Stühlen, umgeworfenen Gläsern, rücksichtslos malträtierten Laptop-Tastaturen, klickenden und piepsenden Digitalkameras, Smartphones und brilliantbesetzten Lady-Handys. Dazu noch das Stakkato von brettharten Nobelschuhabsätzen und metallenen Stilettos auf dem Edelholz-suggerierenden Laminat des Auktions-Zeltbodens. Wäre das Zelt ein Schiff, hätte es innerhalb weniger Augenblicke Schlagseite. Einige Augenblicke später ebbte die Geräuschwelle merklich ab. Unzählige Augenpaare und zahlreiche Objektive starrten förmlich auf das, was bis vor einer halben Minute noch hinter weißen, geheimnisvoll minimal durchsichtigen und perfekt durchleuchteten Tüchern auf rund anderthalb Metern Höhe verborgen war. Downey schöpfte neue Hoffnung. Aber es war die berühmte Ruhe vor dem Sturm.

 

Urplötzlich setzte ein lautstark rauschendes Wort- und Satzfeuer ein, als hätte man die Schleusen eines Stausees geöffnet. Telefone wurden erst hektisch betätigt und dann regelrecht angebrüllt. Kamerateams und Profifotografen mit Schultüten-großen, hellgrauen Objektiven boxten sich förmlich um die besten Plätze an der Absperrung. Millionenschwere, honorige und verifiziert solvente Inhaber von Bieternummern versuchten gleichzeitig das, was sie sahen, zu begreifen und ihren Bänker per Mobilphone davon zu überzeugen, dass doch irgendwo im eigenen Depot noch stille Reserven schlummern müssten. Die Kommissionäre und Agenten der Telefonbieter versuchten ihren Auftraggeber am anderen Ende der Leitung das, so gut es eben ging zu beschreiben, was sie sahen. Dabei war dies eigentlich noch nicht mal nötig, denn es gab diverse Webcameras im Zelt, welche man als Telefonbieter mitbuchen konnte um dann über ein VPN die Auktion live verfolgen zu können. Auch so mache potentielle Bieterin verlor zuerst ihren Absatz und dann die Beherrschung. Man hörte Worte oder Satzfetzen wie „…verschollen…“, „…Zweiter Weltkrieg…“, „…Sensation…“, „…unfassbar…“ oder „Ja, Mercedes Benz, 3 Stück!“ in mehr Sprachen, als so mancher sündhaft teure, elektronische Taschenübersetzer überhaupt kennt. Auffallend oft vertreten: russisch, chinesisch und arabisch. Downey resignierte. Er setzte sich auf den Stuhl neben seinem Pult und trank einen großen Schluck stilles Mineralwasser. Obwohl – die Zeit spielte für ihn. Und für das Auktionshaus. Die gesamte Auktion war bisher rekordverdächtig gut gelaufen und man war just in diesem Moment nah genug an den mitteleuropäischen 20 Uhr-Nachrichten. Der finale Ausgang der Auktion würde sehr wahrscheinlich der Schlussredaktion des einen oder anderen Gazette heute noch eine schlaflose Nacht bereiten. Kurz um: der Abend würde so oder so noch lang werden. Reginald musste schmunzeln. Er wusste genau, dass es in wenigen Minuten erneut zu einem weiteren Tumult kommen wird. Nämlich genau dann, wenn er das Eröffnungsgebot verlesen würde.

 

Die Inszenierung war perfekt. Das traditionsreiche Londoner Auktionshaus hatte wie schon so oft zur Frühlingsauktion in den Schweizer Nobelort St. Moritz eingeladen. Jetzt im Wonnemonat Mai wehte der kommende Alpensommer quasi aus dem nahe gelegenen Italien herauf ins Oberengadin. Die Temperaturen hier am Fuße der Corviglia lagen zwar noch deutlich unterhalb der Dekolleté- und Minirockgrenze, aber die Sonne und die klare, trockene Luft machten Lust auf Champagner, Polo und sonstigen – standesgemäßen – Zeitvertreib. Genau genommen also auf alles, was man in Pelz, Schlangenleder oder Kaschmir so „erledigen“ konnte. Der Schampus floss auch in diesem Jahr wie gewohnt reichlich – wobei auffällig oft Rosé geordert wurde – und man glänzte mit der konsequenten Abwesenheit jeglicher Bescheidenheit und ignorierte mit verständnislosem Kopfschütteln die Talfahrt der Wirtschaft im Rest der halbwegs zivilisierten Welt. Das obligatorische Charity-Poloturnier hatte seine Sieger bereits im Laufe der vorangegangenen Tage ermittelt und der heimische Jet-Set sowie die mehr oder minder prominenten Gäste flanierten – von Kamerateams, Paparazzi, selbst ernannten Promi-Insidern und interessierten Zaungästen bei Schritt und Tritt verfolgt – zwischen der Platin-Card Shopping-Zone im Ort und dem Areal der Automobilauktion hin und her. Die Zaungäste konnte man dabei übrigens grob in drei Kategorien einteilen: Rührige Rentner, die versuchten einen Blick auf die anwesenden Stars und Sternchen zu erhaschen, sofern sie diese überhaupt erkannten. Technikverliebte Automobilenthusiasten, die mehr Geld für ihr Auto und ihr Kameraequipment auszugeben bereit waren, als für Frau und Kinder. Und auffällig unauffällige Beamte der Finanzbehörden unmittelbarer Nachbarländer der Schweiz, die eifrig dokumentierten, wer hier in welchem Wagen vorfährt, welche Geschäfte besucht und später im Auktionszelt wann die Hände hebt.

 

Wobei man hier das Wort Zelt nicht unbedingt intuitiv benutzt hätte. Es war mehr ein temporäres, dreiflügeliges Schloss – mit angedeuteten Giebeln und Zinnen im Stil der Loire-Renaissance am Haupthaus – als einfach nur drei Festzelte in Hufeisenform. Die beiden Seitenflügel, beim imaginären Vorbild gerne als Remisen oder Stallungen genutzt, beherbergten auch hier die eigentlichen „edlen Rösser“ der Auktion: die Automobile. Die Zeltwände konnten zum Innenhof hin geöffnet werden und gaben dann den Blick frei auf eine regelrechte Orgie aus Lack, Chrom, Leder und – offensichtlich sexuell inspirierten – Rundungen aus Blech. Am unteren Ende der Baujahr-Skala war dann auch hier und da Holz als prägendes Element mit im Spiel, während es am anderen Ende schon mal Kohlefaser sein durfte. Die Szenerie war sogar noch beeindruckender, wenn am Abend die gesamte Anlage computergesteuert, farbenpsychologisch korrekt und somit garantiert stimmungsvoll in entsprechendes Licht getaucht wurde; unterstützt von Fackeln, Feuerschalen und einem extra produzierten Lounge & Ambience Klangteppich aus weiß lackierten Bose-Systemen. Son et Lumière grüßt von der Loire. Selbst die Gorillas der Security hatten vier ihrer mitternachts-schwarzen Hummer H2 wie Löwen rechts und links des angedeuteten Schlosstors drapiert. Es muss da wohl auch nicht verwundern, dass die wärmeisolierten Zeltwände alle doppelt ausgelegt waren und sich im daraus entstehenden Zwischenraum Gitter aus massiven Stahlstangen befanden. Auch diente die verbaute Elektronik nicht ausschließlich der Beschallung und Beleuchtung. Die Kameradichte und Qualität der verwendeten Komponenten hätte locker ausgereicht, um den Flug einer Stubenfliege lückenlos von einer Ecke des „Textil-Schlosses“ bis hin zur diagonal anderen zu verfolgen. Die Sensoren des Alarmsystems hätten dann sogar noch das Geschlecht und die Körpertemperatur des Flugkünstlers geliefert.

 

Die – mit weißen Pfosten und Bändern sowie hölzernen Gehwegen fast schon grafisch strukturierte – Freifläche drum herum bot Platz für all die Fahrzeuge, die bei der Auktion selbst eine – nicht genauer beschriebene – preisliche Schallgrenze aller Voraussicht nach nicht durchbrechen würden. Außerdem gab es hier den Parkbereich für die geladenen VIPs, deren Fahrzeuge teilweise als Auktionsobjekte ohne Probleme einen Platz im Zelt bekommen hätten. Folgerichtig wurde hier auch nicht „geparkt“, es wurde vielmehr „gezeigt“; alleine drei Bugatti Veyron 16.4 hatten eingecheckt. . Die Regie des veranstaltenden Auktionshauses hatte dafür gesorgt, dass alle „wichtigen Besucher“ der Auktion beim Beziehen ihrer Parkflächen über eine kniehohe Rampe unmittelbar vor dem „Schlosstor“ fahren mussten. Oder besser gesagt: fahren durften. Dadurch wurde aus einem schnöden „Ankommen“ ein Concours d’ Elegance. Das gesamte Areal wirkte wie eine Mischung aus Schloss Chambord, Pebble Beach und dem Parc Fermé der Mille Miglia. Die Alpenkulisse tat ihr Übriges dazu.

 

Die meisten Anwesenden nahmen dies aber nur mehr oder weniger bewusst wahr. Viel mehr als das, was sie sahen, interessierte sie das, was sich nicht sahen. Und genau dieses „Nichts“ war der eigentliche Höhepunkt der aktuellen Auktion. Die Präsentation eines neuen Supersportwagens, der es tatsächlich geschafft hatte allen Erlkönig-Jägern weltweit zu entgehen, hätte bei der Detroiter oder Tokioter Motorshow, dem Autosalon in Genf oder Paris oder auch der IAA in Frankfurt nicht effektvoller – und auch nicht kostspieliger – inszeniert werden können. Es fing faktisch mit der Veröffentlichung des Auktionskatalogs und den entsprechenden „Appetithäppchen“ in Form von Pressemitteilungen an. Der Katalog umfasste 180 Lose. 80 davon hatten dabei die Ehre eines „Zelt-Platzes“, die anderen mussten quasi vor der Tür warten. Am Ende eben jenes Katalogs war dann aber noch eine einzelne Seite mit einem dezenten Hinweis auf ein separates Dreier-Los eingefügt, für welches sogar eine eigene Anmeldung und Zulassung als Bieter verlangt wurde. Es gab kein Bild, keine Beschreibung und auch keine sonstigen Daten. Stattdessen sah man dort nur drei minimalistisch skizzierte Holzkisten und las ein Zitat des Schweizer Schriftstellers und Architekten Max Frisch:

 

„Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.“

 

Das verfehlte in der Tat nicht seine Wirkung. Die Gerüchteküche kochte. Weltweit. Schnell war in der Fachpresse oder im Netz die Rede von „schlafenden Schönheiten aus Frankreich“, „spanischen Scheunen“ oder auch zwangsweisen Auflösungen von Sammlungen diverser amerikanischer Börsen- und Immobilien-Verlierer. Die Phantasie kannte keine Grenzen und selbst – ansonsten eher konservativ seriöse Magazine – griffen das Thema auf und würzten die diversen Gänge der automobilen Gerüchteküche mit exklusiven Zutaten aus Arabien, Südamerika oder dem Reich der Mitte.

 

Nicht dass die sonstige Auktion ohne Höhepunkte gewesen wäre. Im Gegenteil. Eigentlich war sie ja auch schon fix und fertig durchgeplant ohne die drei unbekannten, vermeintlichen Grazien. Selbst der Katalog war schon redaktionell frei gegeben worden, konnte aber gerade noch rechtzeitig auf der Druckmaschine gestoppt werden. So war da zum Beispiel der 1959er BMW 507, der nicht nur selbst Darsteller in diversen Filmen der 60er Jahre war, sondern auch noch einen „prominenten Vorbesitzer“ hatte. Er durchbrach am heutigen Abend als erstes Fahrzeug seiner Art die eine Million Dollar Schallmauer. Peanuts. Mit 1,1 Mio. ähnlich günstig war auch der Maserati MC12 von 2004, immerhin der einzig bekannte, der als Straßenversion in dunkelblau ausgeliefert wurde. Amerikanische Fahrzeuge sind auf Schweizer Straßen zwar keine Seltenheit, aber im Bereich der historischen Nobel- und Luxuskarossen auf europäischen Veranstaltungen wie dieser hier eher selten anzutreffen. Damit gehörte der 1934er Packard Twelve Runabout Speedster durchaus zu den Exoten des heutigen Tages und war mit seinen 3,5 Mio. immer noch fast ein Schnäppchen. Nochmals deutlich prickelnder war der Mercedes 540K Spezial Roadster von 1937, ein in Silber gegossener Traum auf 4 schwarz-weißen Rädern, der immerhin an der zehn Millionen Marke kratzte. Doch das Traumauto-Karussell drehte sich unaufhörlich weiter, denn dann war da auch noch der Ferrari 250 Testa Rossa vom 1957, komplett mit allen Dokumenten seiner historischen und aktuellen Mille Miglia Historie, der den Zuschlag noch einmal fünf Millionen später erhielt, als die Sindelfinger Meisterkarosse.

 

Star der bisherigen Auktion war jedoch ein Automobil, welches mit rund 13 Liter Hubraum in einem gut anderthalb Meter langen Motorblock, ebenfalls Weltrekord-verdächtig langen Kotflügeln und einem errektiv aufgerichteten, silbernen Elefanten auf dem Kühler daherkam: Der Bugatti Typ 41, auch bekannt als Bugatti Royale, „Coupé Napoléon“. Es war schon unglaublich genug, dass er überhaupt hier versteigert wurde, denn er war ja so etwas wie ein Nationalheiligtum auf 4 Rädern. Aber es gibt Zeiten, da werden sogar Heilige vom Sockel geholt. Diesen blau-schwarzen Royale, einer von nur sieben, die je gebaut wurden, hatte die Fachwelt auf einen Wert von rund 15 Millionen Dollar geschätzt. Aber mit den finalen 21 Millionen wurde er zum weltweit teuersten Automobil, welches bis dato je seinen Besitzer – zumindest öffentlich – gewechselt hat. Alleine dieser Umstand hatte schon gereicht, um die heutige Auktion über alle erdenklichen digitalen und analogen Medien in die Wohnzimmer dieser Welt zu bringen. Immerhin ließ der neue Besitzer über seinen Telefon-Agenten verlauten, dass der Wagen zwar nun einen neuen Eigentümer hatte, aber trotzdem wieder an seinen angestammten Platz im Elsass zurückkehren würde. Der ein oder andere anwesende Journalist munkelte in sein Diktiergerät, dass es wohl immer noch – oder gar schon wieder – eine gewisse innere Nähe zwischen Russland und Frankreich gäbe. Downey, der ja die wahre Identität des Auktionsgewinners kannte, hatte noch bis kurz vor dem letzten Hammerschwung des Zuschlags so oder so gehofft, der Royale würde wenigstens öffentlich zugänglich und in europäischer Hand bleiben. Zumindest wäre dies aus Sicht seiner Stammkundschaft hier in der alten Welt ein gewisser Sympathiegewinn für sein Haus gewesen. Irgendwie war es dann ja auch so ähnlich gekommen. Großzügig geographisch oder aber Standort-technisch gesehen.

 

So einzigartig das „Coupé Napoléon“, so einmalig sein Verkauf und so sensationell sein Preis auch war. Von dem, was jetzt kam, wurde er regelrecht zu einem unbedeutenden Statisten degradiert. Und das, was kam, kam zuerst in Form von drei Holzkisten. Diese – oder besser deren Inhalt – würden dem Royale noch am gleichen Tag den Titel und damit die Krone des teuersten Autos der Welt entreißen, die er erst seit wenigen Minuten innehatte. Und zwar deutlich. Die ominösen Kisten waren erst vor drei Tagen und damit nur wenige Stunden vor Beginn der Besichtigungen hier in St. Moritz eingetroffen. Sie waren rund sieben Meter lang, und je drei Meter hoch und breit. Es gab keinerlei Aufschriften oder aufgenagelte Hinweiszettel, abgesehen von je einem Pfeil für „Oben“ und einem weiteren für „Vorne“. Gebracht wurden sie von einem russischen Lastenhubschrauber, der seine Fracht in drei Durchgängen auf einem geheim gehaltenen Parkplatz irgendwo bei Chur aufnahm um sie dann punktgenau auf je einem eigenen, hydraulisch angetriebenen und selbstfahrenden Schwerlastmodul im Innenhof des Auktions-Ensembles hier in St. Moritz abzusetzen. Dort wurden sie anschließend an ihre endgültige Position verfahren und auf anderthalb Meter Höhe gebracht. Die Park-Position war exakt an der Stelle, an der das Hauptgebäude des Zeltschlosses seinen – dreitürigen – Haupteingang hätte haben können. Die drei Kisten standen somit im Abstand von nur einem Meter parallel zu einander; zwei Drittel der Länge im, das andere Drittel außerhalb des Zelts. Sofort nachdem die Selbstfahrer zum Stillstehen kamen, baute ein weiteres Team einen Sichtschutz aus Alutraversen und schwarzem Molton um die Kisten und Module.

 

Als rund zwei Stunden später die schwarzen Stoffvorhänge wieder abgebaut wurden, hatte sich dahinter einiges getan. Wo eben noch Kisten auf Lafetten standen, war jetzt ein durchgehendes Holz- und Edelstahl-Plateau entstanden, welches auf der Außenseite eine Freitreppe bildete und innen eine Bühne. Anstelle der Holzkisten waren nun drei schimmernde Stoff-Quader zu sehen. Sie waren nur unwesentlich kleiner als die Kisten zuvor und leuchteten aus sich selbst heraus. Der Stoff erinnerte an das Material, mit dem Christo und Jeanne-Claude 1995 den Reichstag in Berlin verhüllten, nur war dieser hier nicht Aluminium-silbern, sondern eher Mondlicht-weiß mit einem Perlmutt-ähnlichem Effekt. Da die Quader vom Publikum direkt erreicht und somit angefasst werden konnten, erlagen einige allzu neugierige Automobilfreunde – trotz omnipräsenter Security – der Versuchung, mittels Schlüssel, Kugelschreiber oder gar dem guten alten Schweizer Armeemesser einen kleinen Blick auf das „Dahinter“ zu erhaschen. Doch alle Mühe war vergebens, der Stoff hielt den Angriffen stand. Man ahnte viel – sah aber nichts. Selbst die vermeintliche Transparenz war eine geschickt eingesetzte Täuschung des Auges durch Licht und Struktur.

 

Downey atmete tief durch. Der Vorhang für den finalen Akt war soeben im wahrsten Sinn des Wortes gefallen. Die Magie des gerade erlebten Moments basierte noch nicht mal auf dem exzessiven Einsatz diverser Pyrotechnik, Laserkanonen oder vergleichbarer Mega-Show-Effekte. Auch auf die sonst üblichen, obligatorisch langbeinigen Verführungshelfer in Blond, Brünett oder Rot wurde bewusst verzichtet. War auch nicht nötig. Im Gegenteil. Sie hätten nur abgelenkt. Es war vielmehr das perfekte Zusammenspiel von mechanischer Choreografie und annähernd geräuschloser, aber zuverlässig funktionierender Technik. Faszination Automobil pur.

 

Es begann vor nunmehr zehn Minuten. Nachdem nämlich der Royale die Hauptbühne an der Kopfseite des Hauptzelts verließ – übrigens tatsächlich aus eigener Kraft, was akustisch schon für reichlich Gänsehaut sorgte – lenkte Downey die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf die drei Quader im Zentrum der seitlich angeordneten zweiten Bühne. Das Licht im Zelt wurde auf Null heruntergefahren und so leuchteten einzig die drei Monolithe aus sich heraus. Auch dieses Leuchten wurde daraufhin auf ein Minimum reduziert und die vier Seitenwände eines jeden Quaders glitten langsam nach unten. Darunter kam eine leichte Gaze zum Vorschein, welche die verborgenen Schätze immer noch mehr erahnen als erkennen ließ. Der Vergleich mit einem Abendkleid, welches vom Körper einer Frau sank und den Blick auf das darunter liegende, seidene Negligé freigab, war durchaus berechtigt. Und auch gewollt. Nur lag der Stoff hier nicht auf dem Boden, sondern verschwand regelrecht im Untergrund. Was blieb, waren drei klerikal anmutende Baldachine auf Aluminiumpfosten, deren Kanten mittels LED-Bändern optisch betont wurden und so den Blick noch mehr von den eigentlichen Objekten der Begierde ablenkten. Ohne merklichen Zeitverzug wurden nun auch die drei Stoffdächer nach dem gleichen Prinzip über die Rückwände hinweg in den Boden gezogen. Am Ende senkten sich dann endlich auch alle drei seidenen Käfige langsam und irgendwie würdevoll in den Bühnenboden ab und der Blick wurde frei auf die drei beeindruckende Schattenrisse, die sich gegen das, im Restlicht des Tages leuchtende, Panorama im Hintergrund abhoben. Noch bevor sich die Augen an die neue Lichtsituation richtig gewöhnen konnten, tauchten starke, strahlend weiße Scheinwerfer, die bisher noch gar nicht aufgefallen waren, die Szene in silbrig gleißenden Glanz. Ob es nun am Kontrast zum vorherigen Dunkel, oder an der schieren Stärke des Flutlichts lag, konnte man nur mutmaßen, aber es hatte den Duktus einer Erscheinung der göttlichen Dreifaltigkeit. Waren bis jetzt nur vereinzelt Besucher der hinteren Stuhlreihen aufgestanden um den voyeuristischen Akt der Enthüllung besser sehen zu können, setzte – nach einer regelrechten Schrecksekunde – ein wahrer Sturm auf die Bühnenkante ein. Dies war genau der Moment, in welchem Reginald Downey die Kontrolle über sein Publikum verlor.

 

Aber nur vermeintlich, denn auch das war Teil der Regie. Während sich nämlich die sonst so distinguierte, bessere Gesellschaft sowie Teile der anwesenden Hochfinanz an der Bühnenkante zu einem Gedränge und Geschiebe wie zu besten Boyband-Zeiten herab ließen, waren fleißige Helfer damit beschäftigt, die Stuhlreihen wieder herzustellen und wie am Lineal gezogen auszurichten. Außerdem legten sie auf jeden einzelnen Platz eine silberne Mappe mit dem geprägten Logo des Auktionshauses. Downey stand auf und ging erneut zu seinem Pult. Er wollte dem Publikum ausreichend Zeit geben, um das Gesehene regelrecht in sich aufzusaugen, quasi auf der Netzhaut ihrer Augen wie bei einem Computermonitor einzubrennen. „Mesdames, Messieurs. Meine Damen und Herren. Ladies and Gentlemen.“ begann er erneut, nachdem er sich zuvor vernehmlich geräuspert hatte. „Bitte gehen sie wieder auf Ihre Plätze. Viele der Fragen, die sie verständlicherweise jetzt haben, werden Ihnen in unserem kleinen Portfolio, welches Sie auf Ihrem Platz vorfinden, beantwortet. Danke.“

 

Seine Ansprache begann zu wirken. Nach und nach kehrten die Besucher an ihre Plätze zurück, blätterten aufgeregt in der Mappe und schauten dabei ein ums andere Mal zurück auf die Seitenbühne, um das Gelesene mit dem Gesehenen abzugleichen. Das Bühnenbild hatte durchaus etwas Religiöses an sich. Als nämlich die letzten Hüllen gefallen waren, wurden die drei Superstars des Abends mittels einer, im Bühnenboden versteckten, Mimik am Heck zueinander hin verschoben. Daraus ergab sich der Eindruck eines überdimensionalen Dreizacks. Markenzeichenassoziationen wurden wach, wenn auch die falschen. Das helle Licht, der dunkle Hintergrund und die klaren Linien des Arrangements ließen den Ein oder Anderen unwillkürlich an die Automobil- und Filmplakate der Dreißiger Jahre denken. In den Gesichtern der Gäste sah man sowohl euphorische Faszination und bedingungsloses Verlangen als auch viele – fast schon greifbare – Fragezeichen. Einige Antworten konnte man sich durchaus selbst, auch ohne die zusätzlichen Informationen aus dem Folder, geben. Dass es sich um Automobile handelte stand schon im Vorfeld nicht in Frage. Aber welche?

 

Zumindest die Marke der drei mobilen Skulpturen war auch ohne besondere Fachkenntnis zu erkennen. Die Sterne auf den Kühlern sowie das gold-blaue Signet jeweils darunter waren nicht zu übersehen. Gold-Blau? Ja, richtig. Ungewohnt, aber nicht unpassend. In jedem Fall: beeindruckend. Drei unglaubliche Erscheinungen, die sich zwar so ähnlich sahen, als hätten sie die gleiche Mutter, aber auch wiederum so different anmuteten, als hätte eben diese Mutter ihre Erfüllung bei drei verschiedenen Vätern gesucht.

 

Es waren also Fahrzeuge von Mercedes. Wobei das Wort Fahrzeug schon fast ein Affront war. Es waren vielmehr automobile Kronjuwelen. Genauer gesagt ein – fast schon zeitlos elegantes – Coupé, eine viersitzige Limousine mit ebenfalls auffallendem Coupé-Charakter und ein zweisitziger Roadster, der schon im Stand brachial stark und extrem schnell aussah. Hatte der Auktionator im Hinblick auf das Erscheinungsbild beim soeben versteigerten 540K noch von „einem Guss“ gesprochen, so ließen die hier gezeigten Linien und Proportionen sich eher damit vergleichen, als hätte jemand die Formen und Konturen aus weißem Marmor oder gar dem vollen Mond selbst heraus gefräst. Die Farbe der drei Schmuckstücke waren sehr nahe am Couleur der zuvor hier platzhaltenden Textil-Quader: Kalt schimmernd weiß mit trotzdem warmen Reflexen. So wie man aber auch die Silhouette einer schon von Natur aus (oder mit Hilfe der Chirurgie) wohlgeformten Frau mit Ziernähten und Applikationen auf ihrem Abendkleid hervorheben konnte, waren es hier der Kontrast der Flächen, Kanten und Konturen aus Klavierlack-schwarzen oder aber Hochglanz-verchromten Elementen, welche die meisterhafte Linienführung zur Vollendung brachten. Es gab keinen einzigen Fehler im Gesamtbild, keine überflüssigen Details, keine gestalterischen Kompromisse. Es gab nur puristisch üppiges Design, welches die Partitur von schwungvollen taillierten Bögen, unbeugsamen Geraden und den obligatorischen, verführerisch erotischen Rundungen perfekt zu interpretieren wusste.

 

Und groß waren sie, alle Drei. Während die Laien und Investment-Bänker unter den verbliebenen, zugelassenen Bietern einfach nur automobile Meilensteine – mit leichten Ähnlichkeiten zum 540K, oder auch nicht – sahen, dachte so mancher „automophile Trophäenjäger“ mit mehr oder weniger erweitertem Halbwissen an die Baureihe W 129 beziehungsweise den Typ 580K von 1939/40. Die wirklichen Experten unter den Anwesenden – inklusiver der Handvoll, extra wegen des besagten Special Roadsters angereisten, höchstrangigen Mitarbeiter der Stuttgarter Traditionsmarke, bemerkten aber markante Abweichungen. Es konnte einfach kein W 24, W 29 oder W 129 sein. War es zu jener Zeit durchaus Gang und Gäbe, die Karosserie auch bei externen Meisterschmieden zu ordern, so waren Fahrgestell- und der Motorenbau einzig und allein dem Werk vorbehalten. Dafür waren die hier gezeigten Exponate aber deutlich zu lang. Und zu breit. Oder anders herum gesagt: Sie waren sogar für die bisher bekannten langen Versionen zu breit und für die Kurzversionen definitiv nicht schmal genug. Vielleicht nicht unbedingt sehr viel, aber doch erkennbar. Und vor allen Dingen: harmonisch. Alle Drei sahen nicht einfach nur künstlich gestreckt oder sonst wie aufgeblasen aus; sie mussten so sein. Groß, großartig und perfekt proportioniert.

 

Nicht wenige der hier versammelten potentiellen Bieter waren im Lauf der letzten Woche direkt von der aktuellen Mille Miglia, die sie entweder als Gäste oder gar als Teilnehmer besucht hatten, direkt nach St. Moritz gekommen. Dort wurde dieses Jahr das, von BMW selbst aufwändig rekonstruierte, BMW 328 Kamm Coupé präsentiert, welches als Original schon 1940 bei der Mille seinen – zugegebenermaßen nicht sonderlich erfolgreichen – Einsatz hatte. Hierbei wurde von Wunibald Kamm bei BMW eine aerodynamisch diktierte Form gefunden, die erst rund zehn Jahre später – wie der Missing Link – zu den, auch bei Mercedes verwendeten, weltweit üblichen Ponton-Fahrzeugen führte. Die drei Über-Autos hier auf den Brettern, die augenblicklich die wahre Welt des Automobils bedeuteten, wiesen oberflächlich betrachtet eine gewisse Ähnlichkeit mit eben jenem Kamm-Coupé auf. Sie waren so gesehen in mancherlei Hinsicht mit dem Coupé optisch, möglicherweise auch technisch, zumindest aber seelenverwandt. Sie hatten sich jedoch nicht die Formgebung vom Windkanal diktieren lassen, sondern dessen Gesetzmäßigkeiten wie selbstverständlich in ihre eigene Design-Sprache übersetzt.

 

Beim Durchsehen der Hochglanz Mappe sammelte sich beim Ein oder Anderen nach und nach immer mehr Wasser im Mund. Bekannt war zwar der Umstand, dass es bei Mercedes – quasi mitten im Krieg – als Nachfolger des 580 K einen 600 K kurz alias W 157 mit V12 und sagenhaften 240 PS in Form einiger weniger Prototypen gab, deren Weiterentwicklung aber durch Hitler persönlich gestoppt wurde. Es gab aber auch schon seit jeher vereinzelt Gerüchte über einen potentiellen Nachfolger selbst dieser ultimativen Sportwagenreihe 600 K, die ja bekanntlich nie zur Serie vollendet wurde. Dabei war noch nicht einmal jenes Versuchsfahrzeug gemeint, welches mit einem 3000 PS Zwölfzylinder-Flugzeugmotor auf einer speziell dafür präparierten, schnurgeraden Strecke der Reichsautobahn den Geschwindigkeits-Weltrekord erlangen sollte. Es waren vielmehr Verschwörungstheorien. Genährt wurden sie unter anderem durch eine, seit ein paar Jahren im Internet kursierende, qualitativ minderwertige Fotografie einer, ebenfalls unvollständig erhaltenen, Reißbrettzeichnung inklusive perspektivischer Skizze eines entsprechenden Fahrzeugs von ungeahnter Schönheit. Zumindest soweit man dies erkennen konnte. Es wurde auf entsprechenden Online-Foren derart heftig und emotional über die Frage diskutiert, ob es sich hier um ein kriegsbedingt verschollen geglaubtes Original oder um ein Fake handelt, dass das Thema in der Folge mehrfach zum Sperren diverser User auf den entsprechenden Plattform führte.

 

Aber hier und heute lag die Sache anders. Das Auto – nein, noch besser – die Autos standen mitten im Scheinwerferlicht der Auktionsbühne. Zwar zum Greifen nahe, aber trotzdem wie aus einer anderen Welt. Im Folder fand sich unter anderem ein Abzug eben jener Konstruktionsskizze, nur diesmal in allerbester Qualität sowie weitere Aufrisse und Details. Dazu noch einige Notizen zu Eckdaten wie Größe, Gewicht, Antrieb und Leistungsfähigkeit. Die Motorisierung der Wagen wurde hierin als „jederzeit ausreichend“, das heißt dreistellig mit einer „4“ am Anfang beziffert und die mögliche Höchstgeschwindigkeit lag noch ein deutliches Stück über jener, wo heutige, familientaugliche Sportwagen elektronisch abgeriegelt werden. Außerdem zu sehen: diverse Schwarz-Weiß-Bilder der soeben präsentierten drei Wagen. Man sah sie jeweils einzeln oder zusammen in teilweise ausgebombten Werkshallen stehen oder unterwegs auf Straßen, die verdächtig wie die Steilstrecke der Nordschleife beziehungsweise der Hochgeschwindigkeits-Abschnitt der Reichsautobahn unweit Berlins, Teil der Dessauer Schleife, aussahen. Ein Bild zeigte alle drei auf einer offensichtlich ebenfalls bereits partiell zerstörten und notdürftig geflickten Steilkurve einer unbekannten Hochgeschwindigkeitsstrecke. Von einem der Wagen gab es sogar ein „Hochzeitsbild“. Hier wurde nämlich der Moment festgehalten, wo die Karosserie auf das Fahrgestell und den Motor aufgebracht wurde. Was auch auffiel war der Umstand, dass auf den Bildern keiner der Arbeiter, Helfer, Fahrer oder Konstrukteure wirklich identifizierbar zu erkennen war. Nicht dass die Bilder in irgendeiner Form retuschiert oder aber zensiert worden wären. Vielmehr trugen alle Beteiligten Dreieckstücher, hochgerollte Kragen oder Sturmhauben vor dem Gesicht beziehungsweise über den Kopf.

 

Sollte es sich am Ende hier wirklich um einen – oder besser gesagt direkt drei – jener legendären und geheimnisvollen „Fauchenden Engel“ handeln? Jene sagenumwobene und nie bestätigte Baureihe W 157 II? Wenn ja, so war sie noch bis kurz vor Ende des Kriegs, unter strengster Geheimhaltung – selbst vor dem Führer und seinen willfährigen braunen Bluthunden – entwickelt, gebaut und Probe gefahren worden. Und sie war wirklich exklusiv. Drei beispiellose Unikate von – noch – unbekanntem, unermesslichem Wert.

 

Fauchende Engel“? Den Namen bekamen die Wagen zwar schon zu ihrer Entwicklungszeit, er wurde aber erst nach dem Krieg mehr oder minder publik. Während nämlich rund um die Nürburg und den vermeintlich brach liegenden Ring gleichen Namens herum die Frauen, Kinder und Alten um 1942/43 auf den Feldern und Höfen die Stellung halten mussten, sahen oder vielmehr erahnten sie das ein oder andere Mal blitzlichtartig schnelle und engelhaft weiße, autoartige Erscheinungen, die eher den Klang eines fauchendes Raubtieres als den eines menschengemachten Motors hatten. Ob es aber nur einer oder aber mehrere Wagen waren, ließ sich nicht mehr eruieren, denn man hatte damals deutlich besseres zu tun, als sich um technische Phänomene zu kümmern und kämpfte hier in der Eifel aktuell verzweifelt, aber eigentlich schon immer, ums Überleben. Außerdem waren es ja wohl wie so oft „streng geheime Projekte der Regierung“, die man besser nie gesehen hatte. Trotzdem sprach man aber gelegentlich unter der Hand, oder aber nach reichlich Selbstgebranntem, von gerade diesen nebel-weißen und donner-grollenden Gefährten, eben den „Fauchenden Engeln“. Die Ackerbau-Geschichte dahinter geriet zwar bald in Vergessenheit, aber in den Jahrzehnten nach 1945 wurden diverse Versionen der Sichtung unbekannter Autos mit engelsgleichen Aussehen und teuflisch kreischenden Triebwerken zum modernen Benzin-Märchen der „Fauchenden Engel“ stilisiert.

 

Jene „Engel“ waren somit der Versuch einiger deutscher Ingenieure und deren Vertrauensleuten, sich auf allerhöchstem technischem und gestalterischem Niveau für die Zeit nach dem Untergang des Dritten Reichs zu rüsten. Ein perfektes und exklusives Nobel-Automobil für eine friedlichere Welt mit einem lückenlosen Autobahnnetz, ausreichend Treibstoff und der notwendigen Infrastruktur dahinter. Was keiner wusste: es hätte sogar funktionieren können. Nach Ende des Krieges wurde ja bekanntlich so einiges an erbeuteter Technik und Wissen in Form von Raketen, deren Antrieben und den dazu gehörigen Wissenschaftlern in die Vereinigten Staaten oder – wenn es dumm lief – in die Weiten der russischen Steppen verbracht. Warum nicht auch ein Automobil der Superlative? Nur eben nicht als Beute, sondern als exklusive Option. Inklusive der Prototypen, aller Dokumente sowie dem Fach- und Grundlagenwissen dahinter. Die ebenfalls durch die Folgen des Krieges aufgegebenen, gelähmten oder auch nur vorübergehend zur Untätigkeit gezwungenen anderen Edelmarken der alten und neuen Welt hätten den technologischen Vorsprung nicht so ohne weiteres innerhalb weniger Jahre wett machen können. Ein guter Plan, wenn er klappte. Ein tödlicher, wenn nicht!

 

Downey schritt zur Tat. Das Publikum war wieder dort, wo es sein sollte und auch deren Aufmerksamkeit gehörte – wenn auch vielleicht nicht ungeteilt – dem Zeremonienmeister Reginald Downey. „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Wir kommen nun zu einem weiteren, wenn nicht sogar dem Höhepunkt des heutigen Abends. Bitte erlauben sie mir zuvor noch eine formal-organisatorische Bemerkung. Ab jetzt sind nur noch die Inhaber einer blau beschrifteten Bietertafel zur aktiven Angebotsabgabe zugelassen.“ Das zu erwartende Gemurmel setzte zwar unmittelbar ein, hielt sich jedoch in akzeptablen Grenzen. Dafür wanderten aber die Blicke vieler Anwesender offen oder auch verstohlen im Publikum umher, denn es war zuvor kaum jemanden aufgefallen, dass tatsächlich ein kleiner Teil der Bieter Schilder mit blauem anstatt dunkelgrauem Nummern-Aufdruck verwendeten. Etliche graue Schilder sanken darauf hin aus Schoßhöhe zu Boden und mindestens genauso viele enttäuschte Gesichter gewannen unmittelbar an Länge. Die Augen anderer Gesichter hingegen zogen sich, Konzentration signalisierend, zusammen und bekamen zeitgleich einen seltsamen Glanz. Sie hatten damit eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Antlitz eines Raubtiers, welches soeben die Fährte aufgenommen hatte. Downey fuhr fort: „Außerdem weise ich nochmals darauf hin, dass der gesamte Kaufpreis bei Zuschlag unverzüglich zugunsten des hierfür speziell eingerichteten, digitalen Kontos unseres Hauses anzuweisen ist. Danke für ihr Verständnis”. Kurze Atempause. „Das nun folgende Los besteht aus den drei Fahrzeugen, die Sie dort auf der Bühne an Ihrer Seite sehen können. Die technischen Daten entnehmen sie bitte ihren Unterlagen. Auf ausdrücklichen Wunsch des Einreichers werden eben jene Automobile deutscher Herkunft nur als Ganzes…“ Erneute Pause. „… und somit unter keinen Umständen einzeln versteigert.“ Erneutes Murmeln. Wieder sanken einige Schilder herab. Diesmal blaue.

 

Downey fuhr fort. “Meine Damen und Herren, Mesdames et Messieurs. Der Mindestpreis für die drei Objekte liegt bei…” – in diesem Augenblick wäre das Aufschlagen der berühmten Stecknadel einem Donnerschlag gleich gekommen – „Fünfundsiebzig … Millionen … Amerikanischen … Dollar!“ Erneut entglitten den anwesenden Herrschaften die Gesichtszüge. Diesmal aber gründlich. Nachdem, nur etwas mehr als einen Wimperschlag später, die Nachricht bei allen Empfängern via Ohr und Gehörgang im Hirn angekommen war löste sie dort fast unwillkürlich tief verankerte Reflexe aus. Man sprang auf! Downey hatte somit Recht behalten: es gab erneut Tumult. Diesmal zwar ohne wildes Durcheinanderrennen, dafür aber erneut mit Telefonterror und Tastaturgeklapper. Fünfundsiebzig Millionen Dollar. Das war jenseits der Schmerzgrenze, weit ab von Gut und Böse. Es war … irgendwie unverschämt. Aber trotzdem war es doch auch mehr oder weniger gerechtfertigt. Ultimative Exklusivität musste einfach schmerzhaft teuer sein. Sogar für Superreiche.

 

„Bitte!“ Downeys Stimme klang nun deutlich fester und durchsetzungsfreudiger als noch beim ersten Versuch. „Bitte nehmen Sie wieder Platz“. Der Geräuschpegel nahm erneut ab und die Stühle wurden nach und nach wieder in Beschlag genommen. „Höre oder sehe ich irgendwo 75 Millionen?“ Während dem definitiv größten Teil der Bieterschild-Inhaber – egal ob grau oder blau – vor ziemlich genau einer Minute schlagartig klar wurde, dass sie für den Rest des Abends die Zuschauer-Rolle übernehmen mussten, wurde Downeys Frage nach und nach von einem guten Dutzend Bietern anscheinend unbeeindruckt durch Zücken und Zeigen ihrer blauen Schilder beantwortet. Erneutes Raunen. „Ich bedanke mich. Höre ich nun 85 Millionen?“ Alleine für die Differenz zur nächsten Gebotsstufe hätte man vor gut einer Stunde noch einen Traumwagen ersteigern können, der vor keinem Club dieser Welt einen Konkurrenten hätte befürchten müssen. Erneut erhoben sich Schilder. Downey bedankte sich und rief nun 95 Millionen auf, als würde es sich hierbei um Spielgeld handeln. Wieder gab es nach einer kurzen Denkpause zahlungsbereite Bieter, wenn auch das Dutzend nicht mehr voll war und sich auch der ein oder andere Agent am Telefon mehrfach rückversichern musste. Downey hätte natürlich nun die Stufen anpassen können, aber er blieb mutig. „105 Millionen? Wer bietet 105 Millionen?“ Keine Reaktion. Zumindest keine direkte. Downey blickte in die Runde. Hatte er zu hoch gepokert? Musste er hier schon einlenken? Nein. Eine gute Hand voll Bieter blieb eventuell am Ball, so seine Einschätzung. Aber keiner wollte Farbe bekennen. Downey hielt den Moment geeignet um noch einen Trumpf auszuspielen, er wollte die magische Hundert-Grenze unbedingt knacken. „ Mehr als 100 Millionen sind wahrlich eine stattliche Summe“ begann er, „aber ich bin der festen Überzeugung, dass unsere drei Engel hier durchaus noch einen Mehr-Wert aufzeigen könnten.“ Sein Wortwitz erschloss sich Einem nicht sofort. Als dann allerdings wie aus dem Nichts drei attraktive junge Damen in Chauffeur-Kostümchen an den Wagentüren standen, diese synchron öffneten, einstiegen und daraufhin die Türen mit einem satten, aber auch gleichzeitig fast unhörbaren „Klack“ ins Schloss zurückfielen bekam Downeys Aussage ihren erweiterten Sinn. „Was sie den Unterlagen bisher nicht entnehmen konnten, “ fuhr er fort, “ist der Umstand, dass alle drei Wagen uneingeschränkt fahrbereit sind!“ Ein Raunen unterbrach die Stille um Downey. „Da wir hier aber trotz der Größe dieser Lokation keine Teststrecke errichten konnten, …“ Dezentes Szenengelächter „… müssen sie sich leider nun mit einer Hörprobe begnügen!“ Er nickte Richtung Seitenbühne. „S’il vous plaît !“

 

Was jetzt kam, war regelrechter Sex für die Ohren. Die Damen betätigen offensichtlich einen Starthebel im Inneren der Wagen und das Motoren-Trio begann sein Konzert. Schon der eigentliche Startmoment war außergewöhnlich. Es gab kein elektromotorisches Anlasser-Geräusch. Es war eher ein metallisches „Tock“ und das Aggregat surrte tief grummelnd los. Vielleicht ein Federspeicher? 1940? Unfassbar! Und überhaupt – der Motor hatte offensichtlich mehr als genug Hubraum, aber er blubberte nicht wie bei einem Achtzylinder sondern ließ eher auf ein Dutzend auf- und ab rasender Kolben schließen. Damit konnte nun wohl auch das nächste Gerücht ausgeräumt und in die Welt der belegten Tatsachen überführt werden: der bereits bekannte V12 des W 157er war nicht nur fertig entwickelt, er war wohl auch noch in eine nächste Stufe der Evolution überführt worden. Über all dieser bisher beschrieben Instrumentalisierung schwebte dann auch noch ein hörbares, aber nicht unbedingt aufdringliches, hochfrequentes Pfeifen. Ein Kompressor? Oder gleich mehrere?

 

Soweit das Vorspiel. Jetzt der Hauptgang: die Mädels gaben Gas. Kickdown. Im Zelt kämpften Millionen von Nackenhaaren um einen Stehplatz, und einige hundert Trommelfelle flehten um Gnade. Gesichter verzogenen sich zu einem zwanghaften Lächeln und der ein oder andere Magen drohte vor lauter Aufregung auf Rückwärtsgang zu schalten. Dabei war es noch nicht mal alleine die infernalische Lautstärke, die diesen Effekt hervorrief. Es war viel mehr der multi-instrumentale Akkord selbst, der sich über mehrere Oktaven und Obertöne hinweg fast ungedämmt in die Wahrnehmung des Publikums fraß! Speziell im unteren und mittleren Frequenzbereich war es dann auch nicht mehr möglich, eine akustische Nähe zu einem Verbrennungsmotor herzustellen, hier brüllten Raubtiere. Vielmehr – sie fauchten! Drohend. Fordernd. Zum Nachtisch servierten die Drei dann noch eine buntes Potpourri aus Gasstößen und akzentuiert kontrolliert wirkenden Fehlzündungen. Die jungen Stand-Pilotinnen indes bekamen allerdings von ihrem eigenen „Rock-Konzert“ außer dem Ticken der mechanischen Uhr im Armaturenbrett und einem sanften Vibrieren des Wagens nicht viel mit. Das Lächeln in ihren Gesichtern war echt! Das Entsetzen der Security, die immerhin rund 50 Meter entfernt in Zielrichtung der Auspuffanlagen-Batterien ihre Unbesiegbar-Rolle zu spielen hatten, allerdings auch!

 

Die Engel fauchten! Das wirkte. Die Bietertafeln schossen förmlich nach oben. Zehn an der Zahl. Downey schmunzelte erneut. Strike! Aber er wurde auch vorsichtiger. „Danke. Das letzte Gebot liegt bei 105 Millionen US-Dollar. Höre ich nun 110 Millionen?“ Diesmal verging jedoch deutlich mehr Zeit, als es die Reaktionen auf die Showeinlage vermuten ließ, bevor es zu einzelnen Gebotszeichen kam. Trotz der halbierten Steigerung waren es aber nur noch drei Tafeln, die sich nach oben reckten. Downey musste seine Taktik ändern. Mit dem Durchbrechen der 100 Millionen Dollar – Marke hatte er zwar soeben Automobilgeschichte geschrieben, war aber auch in eine Sphäre gekommen, wo selbst die „Uppest Class“ an ihre Reserven musste. Es ging auch jetzt nicht mehr um den Preis an sich, es ging vielmehr ums Prinzip. Wie bei der Kunst löste sich der Preis vom Objekt. So auch hier. Entscheidend war nicht mehr länger der mehr oder weniger reale Wert der Wagen, entscheidend war, was sie einem Wert waren. Und im Augenblick gab es offensichtlich noch genau drei Menschen auf der Welt, die es sich leisten konnten – oder wollten – genau diese Grenze auszuloten. „110 Millionen. Geboten sind 110 Millionen. Höre ich mehr als 110 Millionen?“ Keine Reaktion. Zumindest nicht bei den verbliebenen Bietern. Die anderen Gäste hingegen schauten abwechselnd zu den drei potentiellen Auktionsgewinnern beziehungsweise deren Avatare hier vor Ort.

 

„113 Millionen.“ Alle Köpfe flogen herum. Das Gebot kam von einem sonnengegerbten Herrn in den besten Jahren mit wilden und für sein Alter deutlich zu blonden, schulterlangen Haaren. In Kombination mit der Lesebrille und dem seidenen Schal sah er aus wie der Intendant eines Festspielhauses. Die Krokodillederjacke, das mit großen Buchstaben und Flaggen bestickte Hemd sowie die sandgestrahlten Jeans ließen jedoch auf eine Karriere in einem deutlich älteren Gewerbe schließen. Downey nahm den Faden wieder auf. „113 Millionen, das aktuelle Gebot von 113 Millionen kommt von dem Herrn dort mit der Bieternummer 217. Höre ich mehr als 113 Millionen?“ Erneut angespannte Ruhe im Zelt. „113 Millionen. Für direkt drei unvergleichliche Unikate ein vergleichsweise günstiger Preis!“ Downey wusste, dass das reine Auktionspolemik war. „114 Millionen!“ Raunen.

 

Diesmal wurde das Gebot von einem Archetyp des aalglatten Buchhalters aus der Riege der Telefonagenten abgegeben, womit zwar die Sensationslust, nicht aber die Neugier des restlichen Publikums wirklich befriedigt werden konnte. „114 Millionen.“ bestätigte Downey. „114 Millionen sind geboten von der Bieternummer 008.“ Downey versicherte sich durch einen Blick zur Seite ob sein Assistent dies auch korrekt notierte. Wäre das aktuelle Gebot gerade mal bei 10% des derzeitig aufgerufenen, hätte er ein ganzes Füllhorn an Auktions-Floskeln, Phrasen und charmanten Motivationshilfen parat gehabt. Hier lag die Sache aber anders. „114 Millionen. Meine Damen und Herren, bitte denken sie noch einmal nach, ob sie nicht auch ihr sammlerisches Lebenswerk mit dem einem solchen Paukenschlag krönen wollen. Und das für gerade einmal…“

 

„115 Millionen“ Allseits neugieriges Hälse recken und Raunen. Die Bieterin war Anfang Dreißig und gab sich hochgeschlossen mit unnahbarer Mine, Typ moderne Zofe. Sie selbst konnte sich mit dem „Lebenswerk“ wohl kaum angesprochen fühlen. „115 Millionen“ ließ Downey notieren. „115 Millionen von Bieterin Nummer 136.“ Wie um alles in der Welt konnte eine solch junge Person das Mandat oder den Background für solche Summen haben? Wurden hier wirklich nur Autos versteigert oder ging es hier um das Verschieben von Vermögen? „115 Millionen US Dollar. Wer bietet mehr?” Das Murmeln ebbte langsam ab. Downey startete noch den einen oder anderen Versuch hier den Preis zu treiben, aber es rührte sich nichts mehr. „115 Millionen zum Ersten!“ Blätterrascheln, Tastaturgeklapper, Telefongemurmel. Minuten vergingen. Aber kein Bieter. Downey musste nachlegen. „115 Million zum Zweiten!“ Wiederum anschwellender Geräuschpegel. Hektische Anrufe zum Einen, resignierendes Schulterzucken und zuklappende Laptops zum Andren. Downey erkannte: die Luft war raus. „Und 115 Millionen zum…“

 

„125 Millionen!“ Wow. Jetzt war es kein Raunen oder Flüstern mehr, jetzt kam vom Auditorium ein regelrecht erschreckter Aufschrei. Alle Augen klebten förmlich auf dem hübschen und völlig gelassen dreinblickenden jungen Telefonagenten. Er wiederum blickte perfekt gespielt ausdruckslos auf Downey, als hätte er soeben am Flughafen 50 Euro auf einen verlorenen Koffer geboten. „125 Millionen. Bieter Nummer 017 bietet 125 Millionen Dollar.“ Zu diesem Zeitpunkt 10 Millionen Dollar drauflegen konnte nur heißen, dass es hier jemand unbedingt wissen wollte. Und besitzen wollte. Wer auch immer es war, er saß aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo auf diesem Erdenball und verfolgte die Auktion online. Ebenso wahrscheinlich hatte er mindestens so viel Spaß dabei, in die fragenden Gesichter der anderen Bieter – oder aber Statisten – zu schauen, wie diese ihre liebe Not hatten, all das Gesehene und Geschehene zu begreifen. „125 Millionen. Höre ich mehr als 125 Millionen?“ Nein, hörte er nicht. Die Blicke der anderen Bieter und Gäste wanderten erneut von Downey zur schnieken „Nummer 017“, zur zugeknöpften „Nummer 136, zur extrovertierten „Nummer 217“ und zu den „Fauchenden Engeln“, die leise tickend zuzuhören schienen. „125 Millionen zum Ersten.“ Die Stille war fast greifbar, Keiner wollte die mögliche Quelle eines nächsten Gebotes verpassen. Obwohl die Chancen dafür denkbar klein waren. „125 Millionen zum Zweiten!“ Keine Hand, kein Schild, keine Regung. „Und 125 Millionen zum … Dritten!“

 

Der Schlag seines Hammers brach wie ein Kanonenschlag in die Stille hinein, aber noch bevor dieser verhallt war, gab es den vorläufigen letzten Tumult für heute Abend. Es hielt Keinen auf den Sitzen. Wer hatte den Zuschlag erhalten? Das Gebot kam von einem Telefonagenten, einem jungen Mann Ende Zwanzig, adrett gekleidet und mit absolut ebenmäßigen, fast schon androgynen Gesichtszügen. Er wirkte so kantenfrei, professionell und angepasst, dass die meisten Anwesenden sein Gesicht schon innerhalb der nächsten 24 Stunden wieder vergessen würden. Der ideale Anlageberater. Wobei allerdings das Medienecho erst mal dafür sorgte, dass sein Gesicht weltweit publiziert wurde. Wer stand aber wirklich hinter dem Rekordgebot in Gestalt jenes männlichen Models? Die Kamerateams und Fotografen wollten Bilder, die Reporter wollten Antworten. Aber Downey hatte damit gerechnet und entsprechend deutlich war sein Ansprache. „Bitte, meine Damen und Herren! Bitte bewahren Sie Ruhe und kehren Sie zurück auf ihre Plätze!“ Diese Kraft und Entschlossenheit in seiner Stimme kam an. Man folgte seinen Anweisungen und Downey fuhr fort. „Den Zuschlag erhält der Bieter mit der Nummer 017! Ich gratuliere und darf nun den hier anwesenden legitimierten Vertreter des Telefon-Bieters mit der Nummer 017 zu uns hier vorne in den abgeschirmten Bereich bitten, damit in Absprache mit dem neuen Eigentümer die Transaktion abgewickelt werden kann. Vielen Dank für ihr Interesse, meine Empfehlung!“

 

Downey trat seitlich von der Bühne ab und zog sich mit seinem Assistenten und dem Agenten in eine Art Séparée zurück. Die anderen Gäste nutzen die Gelegenheit um einen Blick auf die Wagen zu werfen oder postierten sich wild diskutierend im Innenhof. Medienvertreter sammelten Bilder und Meinungen. Nur fünf Minuten später kamen Downey und sein neuer Vertragspartner aus dem Konklave zurück und sie gingen zur Seitenbühne mit den drei Wagen. Er öffnete ihm die Tür zur mittig stehenden Limousine, der Agent stieg ein. Alle Wagen starteten. Diesmal nur surrend, nicht fauchend. Erneut zeigte die Bühnentechnik ihre Leistungsfähigkeit. Die Wagen wurden wieder parallel zueinander gestellt, die Stufen der Freitreppe sowie die eigentliche Bühnenfläche wurden zu einer einzigen schiefen Ebene verwandelt. Nach der Reihe rollten die drei Engel in den Innenhof, wendeten dort und sammelten sich am Schlosstor. Zwei der Security-Hummer übernahm die Tête, zwei weitere setzten sich an den Schluss. Im Blitzlichtgewitter setzte sich der Konvoi durch ein Spalier aus Gästen, Kameras und Sicherheitsleuten in Bewegung, verließ das Auktions-Areal, streifte noch einmal St. Moritz und verschwand dreifach infernalisch fauchend in der Nacht. Das Ziel: ein streng bewachter Parkplatz bei Silvaplana, wo schon die drei Holzkisten auf ihren Inhalt warteten.

 

Unter den Gästen der Auktion waren aber Downey und der erfolgreiche Biet-Agent nicht die einzigen Anwesenden, die den wahren Käufer kannten. Ein weiterer Zuschauer, der sich so gut es ging den Blicken der allgegenwärtigen Kameras entzogen hatte, war mit dem Ausgang der Versteigerung sichtlich zufrieden. Allerdings war es nicht die Freude über den Gewinn an sich, sondern vielmehr die Aussicht auf eine erfolgreiche Rachenahme am Gewinner, die seine gute Laune ausmachten. ‚So teuer Du die Wagen auch bezahlt haben magst, Towarischtsch, am Ende werden sie Dich das Leben kosten! ‘ dachte er bei sich und ging zügig zu seinem eigenen Wagen, als die drei Fauchenden Engel außer Sichtweite waren. Außerdem lungerte noch der Sohn des Auktionsgewinners hier herum und dem wollte er nun wirklich nicht in die Arme laufen.

 

Reginald Downey war ebenfalls hochzufrieden. Der Name des Auktionshauses, sein Bild und das der drei Engel würden morgen früh wohl in vielen Tageszeitungen weltweit zu sehen sein. Er hatte seinem Haus alle Ehre gemacht und stand nun den Medien geduldig Rede und Antwort. Zumindest soweit es die gebotene Diskretion zuließ. Downey war überzeugt der einzige Mensch zu sein, der sowohl den wahren Vor- als auch den Neubesitzer der Wagen persönlich kannte. Selbst sein Assistent oder die Kollegen im Auktionshaus in London – inklusive der restlichen Geschäftsführung – kannten nur Codenamen und Passwörter. Er konnte damit umgehen. Zur Sicherheit hatte er aber auch immer noch alle notwendigen Dokumente und Kontaktdaten verschlüsselt in seinem Smartphone gesichert und dieses auf einem ebenfalls verschlüsselten Server im Netz gespiegelt. Etwa eine halbe Stunde später ging er zurück zu seinem Team, sorgte persönlich dafür, dass das Geld – abzüglich der fälligen Provision – dem Einreicher der drei Engel angewiesen wurde, klärte noch das Notwendigste und ging zu seinem eigenen Wagen, der unmittelbar hinter dem Zelt geparkt war. Er hätte zwar heute Nacht noch allen Grund gehabt mit seinen Mitarbeitern und den sonstigen Helfern und Spezialisten hinter den Kulissen den fulminanten Erfolg zu feiern, aber er zog es vor, den Triumph in intimer Zweisamkeit zu genießen. Er setze sich in seinen Sportwagen, einen 1964er Aston Martin DB5 Vantage. Es war genau einer von jenen Wagen, die seiner Majestät berühmtester Spion, James Bond persönlich, weltberühmt gemacht hatte. Sein Exemplar hier spielte zwar nicht direkt in einem der Filme mit, hätte aber trotzdem als eines von nur fünfundsechzig je Gebauten heute Abend einen Platz im Zelt verdient gehabt. Der Reihensechszylinder des Aston Martins sprang klaglos an, die Vergaserbatterien atmeten durch. Sanft blubbernd setzte sich Downey in Bewegung. Er umfuhr das Auktions-Areal und verließ St. Moritz in südlicher Richtung. Er hatte sich vorgenommen, die kommenden Meter der Situation angemessen und kinoreif zu untermalen. Seinen DB5 hatte er mit einem Bluetooth-fähigen Soundsystem nachrüsten lassen, ein Zugeständnis an das neue Jahrtausend. Er drückte ein paar Tasten auf seinem Smartphone und aus den Boxen drang der markante Anfang von den Propellerheads: „On her Majesty’s Secret Service“ ‚Passt’, dachte sich Downey und schmunzelte.

 

In Silvaplana fuhr er zu besagtem Parkplatz direkt am Seeufer und sah nach dem Rechten. Die Fahrzeuge waren bereits verladen und würden am nächsten Morgen wieder per Heli zu einem weiteren Umladeplatz und vor dort aus zu ihrem Bestimmungsort gebracht. Downey verabschiedete sich von den verantwortlichen Logistikern sowie dem jungen Agenten. Dieser war nämlich ab jetzt voll und ganz für die Wagen und deren sichere Ankunft beim neuen Eigentümer verantwortlich. Downey sprang erneut in seinen Wagen und fuhr los Richtung Julierpass. Noch in Silvaplana hielt er allerdings erneut an, ließ den Motor aber laufen. Er griff zu seinem Mobiltelefon, stoppte das Musikprogramm und wählte eine Nummer. „Ja, hallo, hier Downey.“ … „ Ja, vielen Dank Sir, finde ich auch. Es war perfekt.“ … „125 Millionen sind wirklich mehr, als wir zu hoffen gewagt hatten!“ Downey schmunzelte erneut. „Natürlich, alles erledigt. Das Geld – abzüglich der Auktions-Provision – müssten sie bereits auf ihrem Transferkonto haben und außer mir kennt niemand Ihre Identität. Dafür bürge ich.“ … „Sir, nur noch eine kurze Frage. Da wir ja nun deutlich über dem von Ihnen erwarteten Ergebnis liegen, müssten wir auch nochmal über meine persönliche Sonderzuwendung sprechen. Immerhin steht hier für mich einiges auf dem Spiel, ich trage quasi das volle Risiko!“ … „Vielen Dank, das ist wirklich großzügig. Ja, natürlich, kein Problem. Ich melde mich erneut in ein paar Tagen, wenn ich wieder in London bin.“ … „Ja, ich war gerade auf dem Verladeplatz, alles ist in bester Ordnung. Mache mich jetzt via Chur auf den Heimweg, werde wohl noch irgendwo übernachten.“ … „Danke, ebenso, schönen Abend noch!“ Er legte auf und fuhr wieder los.

 

Aber nur einige hundert Meter. Am Straßenrand stand eine dunkel gekleidete Person, die man nur dann sah, wenn man vorher wusste, dass sie dort stand. Sie kam zu Downeys Wagen, er öffnete die Tür, sie stieg ein. „Hi Reggy.“ „Hi Sandra!“ Sie zog die Kapuze vom Kopf. Nummer 136! Ihre zuvor noch hochgesteckte blonde Mähne hatte Freilauf. Sie beugte sich zu Reginald und küsste ihn sehr lange und sehr eindeutig. Downey schmunzelte nicht mehr, er strahlte. Als sie dann wieder voneinander ließen, kuppelte Downey ein und fuhr zügig los. „Gut zugespielt, Moneypenny!“ „Gut verwertet, James!“ Sie lachten. Die Steifigkeit der letzten Tage und Stunden war abgefallen und beide fühlten sich wie Jugendliche vor ihrem ersten Sleepover. „Hast noch ein Zimmer bekommen?“ „Natürlich, Reggy. Doppelzimmer mit Seeblick, ganz wie Du es Dir gewünscht hast!“ „Und…?“ „Und natürlich Karten für die Seebühne!“ „Klasse!“ Seine Hand rutschte vom Schaltknüppel wie zufällig auf ihr Knie und rutschte nach oben. Sandra stoppte den Spaziergang seiner Finger. „Kein Vorschuss, Mr. Downey!“ Er grinste. „Was hast Du eigentlich mit Deinem kleinen Boxster gemacht?“ wollte Reginald wissen. „Oh, das Kempinski kümmerte sich darum.“ erwiderte sie. „Der wird wohl noch vor mir zuhause sein. Und das ohne eine einzige Meile mehr auf der Uhr!“ fügte sie hinzu. Downey griente vor sich hin. Sandra fuhr einen Porsche Boxster S mit knapp 300 PS, bewegte das Auto aber ausschließlich innerhalb der vorgeschriebenen Limits, manchmal sogar noch darunter. ‚Verschwendung!’ dachte er und schaltete einen Gang herunter. Drehmoment ausnutzen. Sie fuhren weiter Richtung Pass. Tagsüber wimmelte es hier nur so von Touristen und Motorradfahrern, außerdem konnten einen die Wohnmobile den letzten Nerv kosten. Jetzt aber war die Straße wie leergefegt. Sie überquerten den Pass und folgten den Serpentinen weiter bergab. Reginald gab ordentlich Gas, denn er wollte die Nacht noch „nutzen“.

 

Er sah den LKW erst in letzter Sekunde aus dem Dunkel der Schweizer Nacht auftauchen. Der Laster fuhr bergauf und hatte die Kurve viel zu weit außen zu nehmen versucht. Downey reagierte blitzschnell und lenkte geradeaus, da es aus dem Scheitelpunkt der Kurve hinaus einen Schotterweg gab; offensichtlich die alte Streckenführung. Er bremste, aber auf dem Schotter war die Verzögerung nicht wirklich optimal. Das einzige, was im Augenblick das Knirschen der Steine unter den Gummis übertönte war der Schrei von Sandra. Während er nämlich versuchte, durch wildes Gegenlenken den Wagen vor dem Streifen der Böschung oder dem Absturz über die Straßenkante hinweg zu bewahren, sah sie eine Wand aus Heuballen auf sich zukommen. Der Einschlag war heftig, aber nicht unbedingt brutal. Sandra schrie nicht mehr. Aber sie lebte. Und atmete schwer. Downey ebenso. „Verdammte Scheiße!“ Keine Reaktion. Er schaute zu ihr hinüber „Alles OK?“ – „Alles OK, alles OK???“ kreischte sie. „Nichts ist OK, Du Arschloch. Du hast uns fast umgebracht mit Deiner dämlichen Raserei! Und das nur, weil Du mich ein paar Minuten früher vögeln wolltest, Du Arsch!“ Sandra war in Rage. Da war nichts mehr von der geheimnisvollen und unnahbaren Frau von Welt. Da war blanke Angst, wenn auch gemischt mit aufkommender Erleichterung. Hormonmix pur! Reginald starrte sie fassungslos an. „Und jetzt sieh zu, wie Du Deinen und meinen Arsch hier wieder herausbekommst!“ Downey bildete sich ein, im letzten Satz so etwas wie Galgenhumor gehört zu haben und orientierte sich. Der Motor lief noch und der Wagen schien keinen wirklichen Schaden genommen zu haben, zumindest soweit er das im Augenblick beurteilen konnte. Er öffnete seinen Gurt, von dem er genau jetzt wusste, dass es seinerzeit eine gute Idee war, ihn nachzurüsten. Sandra tat es ihm nach.

 

Bevor sie aber versuchen konnten die Türen zu öffnen, kam man ihnen zuvor. Zeitgleich mit dem plötzlichen Verschwinden der Strohballen unmittelbar vor den Seitenfenstern wurden beide Türen aufgerissen und zwei Maskierte hielten ihnen jeweils den Lauf einer schallgedämpften 45er Heckler & Koch P12 an die Schläfe. Zumindest bei Sandra. Reginald spürte den Lauf direkt in der Augenhöhle. Schweigen. Eine dritte Person trat auf Downeys Seite an den Wagen heran und beugte sich mit einer Taschenlampe in der Hand zu ihm hin. „Guten Abend Mr. Downey.“ Er nickte auch Sandra zu. „Miss Fitzgerald!“ Keine Antwort. Sandra hatte keinen Schimmer, mit wem sie es hier zu tun hatte. Nach der Auktion heute Abend und den Summen die dort bewegt wurden, hätte es sowohl die russische Mafia als auch religiöse Extremisten beliebiger Couleur oder aber die heilige Inquisition persönlich sein können. Sie hatte einfach nur Angst um ihr Leben. Das zweite Mal übrigens in den letzten zwei Minuten. Downey hingegen wusste genau, wer hier seine Fahrt so jäh beendet hatte. Es war der ehemalige Besitzer der drei „Fauchenden Engel“ Er schluckte. „Mr. Salix!?“ „Im Prinzip: Ja. Zumindest dürfen Sie mich auch weiterhin so nennen, wenn sie wollen.“ Reginald verstand. „Mr. Downey. Sie haben mich heute Abend zu einem sehr reichen Mann gemacht.“ Jetzt war auch Sandra im Bilde. „Leider muss ich Ihnen aber mitteilen, dass ich mit Ihren persönlichen Konditionen – und ganz speziell mit den vorhin nachverhandelten – nicht einverstanden bin“ „Aber…“ „Schnauze!“ Downey schwieg. „Zumindest weiß ich Ihre Professionalität und vor allen Dingen Ihre Diskretion außerordentlich zu schätzen aber nun sind Sie und Ihre hübsche Copilotin mit der Nummer 136 hier die einzigen beiden Menschen, welche die Herkunft der Engel, die heutige Auktion und damit das Geld mit meinem Gesicht in Zusammenhang bringen könnten.“ Aus Sandras Angst wurde Panik. „Dagegen muss ich etwas unternehmen, „ fuhr Salix fort, „das müssen Sie doch verstehen!“ Salix nahm eine Waffe aus einem Halfter unter seiner Jacke hervor und schraubte in aller Seelenruhe einen Schalldämpfer darauf. Auf Downeys Stirn bildete sich Angstschweiß, der als salziges Rinnsal in seine Augen lief. „Was wollen Sie von uns?“ presste er heraus. „Nichts!“ antwortete Salix. „Eigentlich wollte ich Ihnen nur eine gute Nacht und noch ein angenehmes Leben wünschen!“ Sandra und Reginald starrten wie zwei Marmorfiguren auf die Waffe in Salix’ Hand. Daher bemerkten sie erst viel zu spät, dass die beiden maskierten Begleiter blitzschnell zwei Füllfederhalter-ähnliche Injektoren zückten und sich deren Inhalt nach einem metallischen „Klick“ schlagartig in ihre Hälse entleerte. Daher konnten sie es auch schon nicht mehr wirklich hören, als Salix sagte: „Bevor ich es vergesse: Gier hat wahrscheinlich im Laufe der Weltgeschichte mehr Menschen umgebracht als Pulver, Pest und Cholera zusammen!“

 

Was Reginald und Sandra ebenfalls nicht mehr mitbekamen, war die nun folgende Aufräumaktion. Sie wurden aus dem Aston Martin heraus gezerrt und dieser wiederum in eine perfekt passende Holzkiste geschoben, welche jenseits der Strohballen bereit stand. Die Kiste ihrerseits wurde dann mit einer Seilwinde auf den vermeintlichen Unfallverursacher gezogen. Die Strohballen wurden in Windeseile wieder zusammengetragen und auf dem LKW um die Holzkiste herum und darüber drapiert. Stricke sicherten die Ladung. Salix schaute auf den am Boden liegenden Downey herab und sagte: „Betrachten wir den DB5 als kleinen Ausgleich meiner üppigen Verluste durch ihr Haus, Mr. Downey.“ Aus dem Dunkel kam ein weiterer Wagen hinzu, ein schwarzer BMW M5. Einer der beiden – jetzt nicht mehr – Maskierten hatte ihn hervorgeholt. Reginald und Sandra wurden auf den Rücksitz der Sportlimousine verfrachtet. Bevor die Autotür zugeworfen wurde, sagte Salix: “Moment noch!“ Er griff in Downeys Jackett, zog sein Smartphone heraus und reichte es einem der beiden Komplizen. „Hier, kümmere Dich drum. Und denk auch an die Sicherung im Netz“ „OK.“ „Ihr kennt den Weg?“ Die freche Antwort kam prompt: „Nee, aber wir haben ja ein Navi!“ „Neumodischer Mistkram. Haut ab!“ Die beiden stiegen feixend in den M5 und fuhren mit einem bösen V8-Grollen aus den vier Endrohren und theatralisch durchdrehenden Walzen davon.

 

Salix ließ den Staub verfliegen und nahm danach einen tiefen Zug frische Schweizer Nachtluft. Er ging zum LKW, stieg ein und fuhr los. Morgen früh würde der Aston Martin in einer voll klimatisierten Tiefgarage unweit des Luganer Sees neben weiteren automobilen Schätzen stehen. Reginald und Sandra hingegen würden in einer kleinen Pension bei Zürich splitterfasernackt nebeneinander wach werden und fürchterliche Kopfschmerzen haben. Sie würden sich an die letzten drei bis vier Tage nur noch sporadisch und an die letzten Stunden überhaupt nicht mehr erinnern können. Er grinste in sich hinein und gab entschleunigt Gas.